Revisionstunnel führt unter 55 Meter Abfall entlang

Bochum Sommer 2019. In der Zentraldeponie Kornharpen lagert Abfall aus fast drei Jahrzehnten. Seit 2005 werden dort keine Abfälle mehr deponiert. Die USB Bochum GmbH muss sich noch jahrzehntelang um das Bochumer Abfall-Erbe kümmern. Was die wenigsten wissen: Unterhalb des Abfalls führt ein Tunnel quer durch die Deponie. Dirk Mäder, USB-Mitarbeiter für Technische Überwachung, kennt den Tunnel in- und auswendig. Einmal in der Woche wird der Tunnel inspiziert. Dann macht er sich auf den 405 Meter langen Weg unter der 55 Meter starken Abfallschicht.

Der Tunnel beginnt bei einem unscheinbaren Gebäude auf dem Deponie-Gelände. In dem kleinen Häuschen befindet sich der Zugang in die Tiefe. Man hört das Geräusch eines Lüfters. „Bevor wir den Tunnel betreten, lüften wir die ganze Anlage zwei Stunden“, erklärt Mäder. Trotzdem nimmt er einiges an Schutzausrüstung mit. Der ehemalige Bergmann hängt sich einen Sauerstoff-Selbstretter um die Schulter und klemmt sich ein Gaswarngerät an. Im Tunnel könnte die Atemluft durch Methan, Kohlenstoffdioxid, Schwefelwasserstoff, Ammoniak oder Kohlenstoffmonoxid belastet sein. Begleitet wird er heute von Sigrun Kreulich, stellvertretende Abteilungsleiterin für Deponie und Wertstoffhöfe.

Zwei Personen sind Pflicht bei Arbeiten im Tunnel. Ein Sicherheitsposten steht am Eingang. Handys und Funkgeräte funktionieren Untertage nicht und sind sogar verboten. „Wir halten Kontakt nach Draußen durch unsere Heulruftelefone“, erklärt Mäder. Das Heulruftelefon sieht aus wie ein historischer Telefonhörer. Mittels einer Klemme wird der Hörer an ein eigensicheres Schwachstrom-Kabel angesteckt, das durch das gesamte Tunnelbauwerk führt. Durch einen Heulton wird ein Gespräch angefordert. Der Sicherheitsposten kann die Botschaften aus der Tiefe empfangen. Sollte nach verabredeter Zeit der Kontakt unterbleiben, wird die Rettungskette in Gang gesetzt. Feuerwehr und Technisches Hilfswerk üben regelmäßig am Tunnel.

Abwärts geht es eine steile Wendeltreppe, bis der Tunnelboden in etwa zehn Meter Tiefe erreicht ist. Der Tunnel selbst ist erstaunlich geräumig und gut beleuchtet. „Man nimmt kaum wahr, dass wir uns unter 55 Meter Abfall befinden“, erklärt Sigrun Kreulich. Die Luft wirkt frisch; Staub und Geruch sind kaum wahrnehmbar. Sigrun Kreulich ist als stellvertretende Abteilungsleiterin unter anderem für Großprojekte an der Deponie verantwortlich. Aktuell steht die Vorbereitung zur Oberflächenabdichtung der gesamten Deponie an. Gewaltige Mengen Erde werden derzeit auf das Höhenplateau der Deponie gefahren. „Der Blick in die Tiefe darf dabei natürlich nicht verloren gehen. Denn hier unten kommt schließlich das Sickerwasser an“, so Kreulich.

Das Sickerwasser ist Regen, der auf die Deponie gefallen ist. Dieses Wasser hat sich auf eine lange Reise durch den Abfall gemacht und wird unten in einer Drainage aufgefangen. 24 geschlitzte Rohre durchziehen die Deponie. Alle enden im Revisionstunnel, den Dirk Mäder und Sigrun Kreulich inspizieren. „Auch wenn draußen Dürre herrscht, sehen wir in unseren Wassersystemen ständig Bewegung“, erklärt Dirk Mäder. Zwei bis drei Monate dauert es bis, das Wasser bis zur Drainage durchgedrungen ist.

 

Im Tunnel liegt ein großes Rohr, in dem das Sickerwasser aus der Deponie zur Aufbereitung geführt wird. Auf dem Weg durch den Abfall hat das Wasser biologische und andere Abbaustoffe aufgenommen und ist belastet. In riesigen Aktiv-Kohle-Filtern wird das Sickerwasser auf das Niveau von „haushaltsüblichem“ Schmutzwasser gereinigt und dann in eine Kläranlage abgegeben.
„Wir müssen dafür sorgen, dass dieses System ständig intakt bleibt“, so Kreulich. Deswegen kommen einmal im Jahr Experten von Außerhalb, die sich jedes Drainagerohr mit einem Kamera-Roboter vornehmen. Wie die Forscher in der Cheops-Pyramide lassen die Experten den Roboter das Rohr entlangfahren und schauen sich um. Sind die Drainage-Schlitze noch offen? Halten die Verbindungen der Rohrstücke? Entspricht etwas nicht den Vorgaben, muss repariert werden.

   

In etwa sieben Jahren wird der Abfall durch die Abdeckung vor neuem Regenwasser geschützt sein. Das Sickerwasser wird dann langsam abnehmen. Versiegen wird es noch viele Jahre nicht. Und deshalb wird Dirk Mäder und später auch seine Nachfolger Woche für Woche unter den Abfall steigen, um dafür Sorge zu tragen, dass alles sicher bleibt und nichts Schädliches in die Umwelt gelangt.

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